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Dantes Göttliche Komödie

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von Wissenschaft, sondern ein Apriori ist. Der neuzeitliche Mensch sieht die Welt nicht so, weil sie so wäre, sondern weil er sie so sehen will, und nach dieser Voraussetzung eine Auswahl vollzieht. Die berühmte Definition Max Webers, wonach Wissenschaft wertfrei bleiben müsse, reine Wirklichkeitserfassung und Wirklichkeitsanalyse, ist Postulat, Ausdruck von Gesinnung, nicht Ergebnis echter Wirklichkeitsbegegnung. Und es ist einer der Punkte, an denen sich unsere Zukunft entscheidet, ob wir wieder erkennen, daß das Gute keine vom Menschen her aufgesetzte Charakterisierung des Daseins ist, sondern im Sein selbst gegebene Voraussetzung der Lebenserfüllung bildet.
Dieses Moment kommt in Dantes Weltbild elementar zum Ausdruck, und zwar dadurch, daß die Welt selbst zum Vollzug von Gericht wird. Dantes Welt ist – wir sahen es bereits – wohl die wirkliche; dieses aber gesehen im Lichte von Gottes Gericht, also in einem Zustand der Aufhellung und Steigerung. Sie ist eschatologisch gesehen, so, wie sie in der Ewigkeit stehen wird. In dieser Transposition verliert sie nichts von ihrer ersten Wirklichkeit. Nach christlicher Überzeugung ist die ganze Welt bestimmt, einst in die Ewigkeit einzugehen und dort ihren vollen Sinn zu empfangen, positiv oder negativ, je nach dem sie sich entschieden hat. Nichts wird verloren gehen; nichts sich im Absoluten auflösen. Alles wird Gestalt und Charakter, aber verwandelt werden. (Hier liegt ja der existentielle Sinn der Auferstehung.) Die Dantische Welt ist zu diesem Zustand unterwegs.
So ist sie die objektive Gerechtigkeit: die drei Bereiche der Erdentiefe, der Bergeshöhe und der Himmelssphären sind Ausdruck sowohl wie Vollzugsformen der Verlorenheit, der Läuterung und der seligen Vollendung.
Die Welt Dantes hat einen weiteren religiösen Charakter: sie ist Gnade. Auch damit unterscheidet sie sich vom modernen Naturbegriff. Für den neuzeitlichen Menschen schwankt die Welt zwischen den Charakteren gleichgültiger Notwendigkeit,

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